BLEIWEISS
ISOTOPEN PROJEKT
Bleiweiss,
das als ältestes, künstlich hergestelltes Farbpigment
seit dem Altertum bis hin zur Neuzeit Verwendung in der Malerei
fand, ist in den Gemälden reichlich vorhanden, und bietet
sich deshalb für Untersuchungen an. Durch seine Zusammensetzung
eignet sich das vorhandene Bleiweiss hervorragend dazu, aussagekräftige
Messungen der Isotopenverhältnisse sowie der Spurenverunreinigungen
durchzuführen. Diese Messungen können Hinweise auf
die Abbaugebiete des Bleierzes d. h. die Herkunft des Bleiweisses
sowie das Alter des verwendeten Pigmentes geben.
In Zusammenarbeit
mit der EMPA St. Gallen (Schweizerische Forschungs- und Materialprüfanstalt)
unterstützt der Schweizerische Nationalfonds das Forschungsprojekt.
Wir suchen
z.Z. weitere Institutionen in Europa und Amerika, die an einer
Zusammenarbeit interessiert sind und Bleiweiss-Proben von
gesicherten und datierbaren Gemälden zur Verfügung
stellen können, bzw. entsprechenden Material zugänglich
machen.
Von Interesse sind v. a. Rubens und sein Umkreis sowie die
südlichen Schulen, v. a. Italiener des 17. Jh. (Genua,
Florenz, Rom, Venedig) wie im Projekt unter Punkt 1a i-iv
und 1b beschrieben. Die Analyse ist für die Partnerinstitutionen
kostenlos.
Ziel dieser
interdisziplinären Grundlagenforschung ist es, aufgrund
der Spurenverunreinigungen und der Bleiisotopenverhältnisse
genaue Aussagen über den Typ und die Herkunft des in
Gemälden verwendeten Weisspigmentes machen zu können.
Primär
gilt unser Interesse den maltechnischen und materialspezifischen
Aspekten. Wir streben an, dass durch unsere Arbeit zuverlässige
Aussagen betreffend der zeitlicher Zuordnung der Entstehungszeit
eines Werkes bzw. über spätere Eingriffe gemacht
werden können. Im weiteren können durch die Analysen,
je nach Fragestellung, auch Fälschungen nachgewiesen
werden.
Bleiweisspigmente
von Gemälden, welche datierbar und einem Künstler
zugeschrieben werden können, werden in unserem Projekt
analysiert. Diese Befunde werden mit den aus den Abbaugebieten
stammenden Bleiproben, die denselben Analysen unterzogen werden,
verglichen. Durch die Erarbeitung bzw. die Erforschung der
internationalen Handelsrouten wird der Verteilung des Weisspigmentes
respektive dessen Verwendung aufgezeigt.
Neben
der kunsthistorischen Beurteilung sollen mit den gewonnenen
Erkenntnissen Aussagen betreffend Zuschreibung und Datierung
eines Werkes gemacht werden können
Durch
die genaue materialspezifische Erfassung des Bleipigmentes
dokumentierter Gemälde und deren Vergleich mit Proben
aus den Abbaugebieten des Bleierzes soll durch unsere Arbeit
eine Lücke in der Forschung geschlossen werden. Aufgrund
der Spurenverunreinigungen im Blei kann zwischen cisalpiner
und transalpiner Herkunft des Bleierzes unterschieden werden.
Die bisherige Forschung stützt sich auf Untersuchungen
von Bleiweissproben, die von italienischen bzw. holländischen
Gemälden stammen. Das heute identifizierte Bleiweiss
wird dementsprechend als „holländisch“ bzw.
„venezianisch“ bezeichnet. Diese Interpretation
ist nach unserer Meinung nicht präzise genug, vielmehr
kann sich diese Bezeichnung lediglich auf die untersuchten
Proben beziehen. Dem Forscher fehlt heute die Möglichkeit,
die analysierten Bleiweissproben aus Gemälden einer örtlichen
Herkunft zuzuordnen.
In unserer
Forschungsarbeit werden drei Arten von Quellen untersucht:
-
Probematerial von bekannten Bleierz-Abbaugebieten (primäre
Quellen)
-
Probematerial von datierbaren Gemälden (sekundäre
Quellen)
-
Quellenstudium der historischen Handelsrouten sowie Produktion
und Distribution des Pigmentes.
Die für
uns ausschlaggebenden Kriterien betreffend sekundärem Probematerial,
also den Bleiweissproben von Gemälden sind:
-
Tätigkeit
des Künstlers im cis-, sowie als auch im transalpinen
Raum
-
Gute Quellenlage/Dokumentation über die zeitlichen und
örtlichen Schaffensperioden
-
Vorhandensein datierbarer Werke
-
gut dokumentierter Werkstattbetrieb (Einstellung von Schülern
und bekannten Künstler)
-
Herausragende Persönlichkeit mit epochalem Einfluss auf
andere Malschulen
In
dem grossen flämischen Barockmaler P. P. Rubens haben wir
einen Künstler gefunden, der unseren Kriterien entspricht.
Wieso sind wir bei der Definition der zur Auswahl stehender Künstler
gerade auf Rubens gestossen? Gibt es über diesen wichtigen
Künstler noch überhaupt Aspekte, die nicht bereits mannigfach
untersucht worden sind? Unsere Vorarbeiten haben ein anderes Bild
gezeigt und interessante Fragen aufgeworfen, welche wir beim Studium
der Faktenlage nicht befriedigend beantworten konnten. Wir mussten
feststellen, dass es über den wichtigsten Künstler dieser
Zeitepoche betreffend Maltechnik und Material sehr wenige Untersuchungen
gibt. Rubens hatte grossen Einfluss auf die Künstler seiner
Zeit. Seine Maltechnik, die sich natürlich im Laufe seiner
Zeit änderte, wurde von zahlreichen Zeitgenossen aufgenommen
imitiert und weiter bis ins 19. Jh. weiter entwickelt.
Rubens führte während seiner langen
und erfolgreichen Schaffenszeit unzählige datierbare Werke
aus. Während seiner Karriere arbeitete Rubens für
verschiedene Höfe und seine Reisen führten ihn u.
a. nach Italien, Spanien und England. Viele seiner Werke entstanden
im Ausland, während den gut dokumentierten Aufenthalten.
Der Vergleich von heimischem( d. h. in Antwerpen) verwendeten
Materialien und Arbeitstechnik und den Materialen die er während
seiner Auslandsaufenthalte verwendete, offeriert ein grossen
Potenzial an auswertbaren Daten, die erlauben sollen mehr Wissen
über die damaligen Arbeitstechniken, Materialien und Verwendung
zu erhalten
Es wurde bis Anhin erstaunlich wenig über diesen wichtigen
Künstler erforscht, weshalb wir uns entschlossen haben
Grundlagenforschung zu betreiben. Unsere vorgängigen Forschungen
auf diesem Gebiet haben bereits erfolgreiche Resultate gezeigt.
Dazu müssen die Materialien, in diesem
Fall das Pigment Bleiweiss, genau untersucht werden. Voruntersuchungen
an einem, in den Zeitraum um 1602 datierbaren Gemälde von
Rubens haben ergeben, dass ein, in der Literatur als aus dem
„venezianischen“ Raum bezeichneten Bleiweiss Verwendung
fand. Italienisches Bleiweiss würde gut in die Biografie
des Künstlers passen, da sein erster Italien-Aufenthalt
in den Zeitraum um 1600-1608 (Venedig, Mantua, Spanien) fällt.
Das Gemälde ist jedoch auf eine Eichentafel gemalt. Wenn
man nun von der Annahme ausgeht, dass ein Künstler v. a.
auf lokal erhältliche Materialien zurückgreift, dann
würde zwar die Verwendung von italienischem Bleiweiss die
Regel bestätigen, dagegen spricht jedoch der in Italien
nicht sehr weitverbreitete eichene Holzträger (Linde ist
das von den Italienern bevorzugte Holz). Weitere Voruntersuchungen
an Bleiweissproben aus Rubens’ Antwerpener Jahren weisen
ebenfalls auf die Verwendung von Bleiweiss desselben Ursprunges
hin.. Diese Befunde zeigen, dass es zur Abklärung der Herkunft
eines Werkes nicht ausreicht, bloss die materielle Seite zu
untersuchen. Es ist vielmehr unumgänglich, auf die Verbreitung
der in der Malerei zur Verfügung stehenden Künstlermaterialien
einzugehen. Nur im Kontext dieses erweiterten Fragenkomplexes,
den wir durch unsere Arbeit zu beantworten versuchen wollen,
können verlässliche Aussagen betreffend der Zielformulierung
dieses Projektes gemacht werden.
-
Welches
Bleiweiss verwendete Rubens in seinem Antwerpener Atelier:
stammte es von lokalen Bleiminen oder handelte es sich dabei
um ein importiertes Produkt
-
Wie verliefen die internationalen Handelsrouten?
-
Welche Materialien verwendete Rubens bei seinen Aufenthalten
im Ausland: waren es primär örtlich erhältliche
Materialien oder hatte er seine eigenen dabei bzw. Liess die
Materialien von Antwerpen herbeischaffen? Was war die Quelle
der lokal erhältlichen Pigmente, waren sie importiert?
Oder war das Erz importiert und das Pigment lokal hergestellt
worden?
Die aufgeworfenen
Fragen konnten durch unsere Vorversuche nicht beantwortet werden.
In diesem Falle beschränkten sie sich auf einen bestimmten
Künstler. Die geplante Arbeit soll neben den spezifischen
Fragen zu Rubens auch die Möglichkeit schaffen, das verwendete
Bleipigment anderer Künstler mit einzubeziehen.
1. Sammeln
und analysieren von sekundärem Probematerial von identifizierbaren,
und wenn möglich datierbaren Gemälden des 17. Jahrhunderts
-
Nördliche Schule
-
Rubens
und seine Zeitgenossen (wie Van Dyck, Jordaens, Brueghel
etc.) welche an ihrem Wohnort arbeiten
-
Künstler der nördlichen Schule, welche im Süden
arbeiten. (wie Künstlergruppe der „Bamboccianten
um Pieter van Laer)
-
Rubens und seine Zeitgenossen die in Italien und Spanien
arbeiten (d. h. Gemälde aus dieser Epoche)
iv. Rubens und seine Zeitgenossen die in England arbeiten
(d. h. Gemälde aus dieser Epoche)
-
Italienische, Französische sowie Spanische Schulen
-
Italienische,
Französische sowie Spanische Schulen
2.
Sammeln und analysieren von primären Probenmaterial, d. h.
von bekannten Abbaugebieten von Bleierz d. h. Bleiglanz (Galenit),
Cerrusit, sowie dem Nebenprodukt Bleiglätte
-
Proben von Bleiminen des nördlichen Europas (Schweiz,
Deutschland, Frankreich Belgien Holland England etc.)
-
Proben von Bleiminen des südlichen (u. östlichen)
Europas.
Im Zentrum
unserer wissenschaftlichen Fragestellungen stehen kunsthistorische
sowie maltechnische und materialspezifische Aspekte. Bleiweiss
stellt eines der ältesten, künstlich Hergestellten
Pigmente dar, welche in der Malerei vorkommen. Da Bleiweiss
reichlich in Gemälden vorkommt, besteht die Möglichkeit
auch innerhalb ein und desselben Kunstwerkes durch die Auswahl
der Entnahmestelle der Proben unterschiedliche Fragen zu Stellen
bzw. Antworten zu finden. Wir wollen in unseren Untersuchungen
bleihaltige Grundierungen, Malschichten sowie Retuschen bzw.
Änderungen durch den Künstler erfassen. Da es sich
bei den Gemälden um einmalige Werke handelt kann nur ein
Minimum an Probematerial entnommen werden. Für die Analyse
muss eine Verfahren gewählt werden, welches erlaubt, anhand
kleinster Proben noch aussagekräftige Resultate liefern
zu können. Für die Beantwortung der komplexen Fragen
muss auf Künstler zurückgegriffen werden, die durch
zeitgenössische Chronisten genau erfasst wurden. Vorarbeiten
an einem der Künstler von Interesse, P. P. Rubens haben
bereits zu vielversprechenden Resultaten geführt. Wir wollen
deshalb bei diesem Künstler fortfahren, weil er sehr gut
dokumentiert ist durch seine Zeitgenossen, in verschiedenen
Ländern Europas gearbeitet hat, und selber über eine
grosse Werkstatt verfügte.
Bereits
haben ihre Teilnahme am Projekt zugesagt:
Courtauld
Institute of Art, University of London
Collection of H M The Queen, Royal Collection
Denkmalpflege des Kantons St. Gallen
Galerie Koller, Zürich
Getty Conservation Institute, Los Angeles
Hamilton Kerr Institute, University of Cambridge
Historisches Museum St. Gallen
Institut Royal du Patrimoine Artistique, IRPA, Brüssel
Kunsthaus Zürich
Kunsthistorisches Museum, Wien
Museum of Fine Art, Boston
National Gallery of Art, Washington,
National Gallery, London
Opificio delle Pietre Dure, Florenz
Residenzgalerie Salzburg
Rijksmuseum, Amsterdam
Royal Cabinet of Paintings Mauritshuis, Den Haag
Rubenianum in Antwerpen
Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft
Stedelijke Musea Antwerpen
Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich
Strauss Center for Conservation and Technical Studies, Harvard
University Art Museums, Cambridge
Schweizerisches Landesmuseum
Technische Universität Bergakademie Freiberg
Vadiana, St. Gallen
Welti-Furrer Fine Art AG
Yale University Art Gallery, New Haven
Wir möchten
die Auswahl der Gemälde möglichst breit fächern
um die Resultate aussagekräftig abstützen zu können.
Ich hoffe sehr, auf Ihre Mitarbeit an diesem interdisziplinären
Projekt. Für Kommentare, Anmerkungen, Ideen und Kontakte
sind wir dankbar.
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